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Arbeits-Tagebuch zum Wortgarten

Februar bis Mai 2009

Sagen ist Natur und Werk, Wachstum und Bildnerei gleichzeitig.

                                                                                     Martin Buber

Das Projekt findet seine "guten Geister":

Im Forstamt Hainhaus bei Bad König lässt man sich für das Projekt begeistern. Der Revierförster bringt die entscheidende Idee ein: Die Rohlinge werden Vorort von einem erfahrenen Waldarbeiter gesägt. 

Man findet sieben verschiedene Hölzer, die sich für unser Projekt eignen. Die Größe der Buchstaben wird auf 70 cm festgelegt. Ein Stamm dieser Größe ist für mich nicht mehr handhabbar, daher bin ich für das Angebot der Forstarbeiter sehr dankbar. Kein anderes Forstamt hat uns so freundlich aufgenommen.

KultA e.V. organisiert den Transport der 70 Rohlinge in mein Atelier.

Jetzt kann ich tatsächlich beginnen!

 

 

Eiche

 

 

Das L spiegelt sowohl Fraktur, als auch handschriftlichen Duktus wieder.

Obwohl die Eiche schon ein Jahr lang abgelagert ist, reißt sie in den 

fröhlich vor sich hin...

 

 

Auch die stark reduzierten Stämme sind noch sehr schwer. Ich muss beim Arbeiten im Auge behalten, dass auch Grundschulkinder die Buchstaben umher tragen können, denn auch in der Leseförderung sollen die Skulpturen eingesetzt werden. Es könnte für Erstklässler ein tolles Erlebnis werden, den eigenen Namen mit diesen gewaltigen Lettern gestellt zu sehen.

 

Es dauert eine Weile, bis ich heraus finde, wie viel ich wegschneiden muss, um zu einem erträglichen Gewicht zu gelangen. Je mehr ich reduziere, desto zerbrechlicher wird aber die Skulptur. Es ist immer ein Kompromiss. 

An die Eichen-Ms muss ich noch mal dran...

 

Buche Aber mit jedem Buchstaben wächst die Erfahrung und wird das Arbeiten schneller.

Langsam kristallisiert sich auch ein bestimmter Stil heraus. Unter Berücksichtigung des Holzes und des Werkzeugs (Säge) finde ich heraus, welche Erfahrungen ich aus der Handschrift  übernehmen, welche Serifen ich aus der gebrochenen Schrift entleihen kann und welche Grundform der Antiqua ich beibehalten muss.

Auf diese Weise entsteht während des Arbeitens ein Kanon an Stilprinzipien, die sich auf das gesamte Alphabet übertragen lassen.

Der Wechselzug der Breitfeder ist immer enthalten. Wie bei den Römersteinen schreibe ich die Form mit einem Breitpinsel auf dem Holz vor. Dies garantiert eine organische, handgemachte Linie. Ich vermeide bewusst die konstruierte Form einer Grotesken.

 

 

 

 

 

 

die beschaffenheit von wörtern 

(8 von insges. 29 Fragen von Franz Mon)

1 wie beschaffen müssen wörter sein?

2 müssen wörter beschaffbar sein?

3 wie beschaffen müssen wörter sein, damit man sie beschaffen kann? 

4 wie beschafft man wörter, deren beschaffenheit nicht bekannt ist?

5 wie lassen sich wörter beschaffen, die sich noch nie haben beschaffen lassen? 

6 worin besteht die beschaffenheit eines wortes, das noch nie beschafft werden konnte?

22 lohnt sich die anschaffung von wörtern, deren beschaffenheit ganz genau bekannt ist?

27 wie beschaffen muß ein wort sein, das seiner abschaffung denselben widerstand entgegen setzt wie seiner anschaffung?

 

Das ist das Erschütternde an der Arbeit mit Massivholz: Man hat eine vollkommene Form, die an sich schön und einzigartig ist, und die uns in gar keiner Weise braucht.

Es bedarf einer großen Menge an Ignoranz und Brutalität, um da einzugreifen, die jenseits des Menschen funktionierende Form zu zerschneiden und dem Holz eine andere, für uns taugliche Form zu geben. 

Gerade die Schriftform ist so schrecklich weit entfernt von der natürlichen Form. Wieder spiegelt Schrift ganz deutlich, wie wir Menschen gemacht sind. - Der Moment, in dem wir Sprache und Schrift fanden, war der Beginn unseres Exils. "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren..." - wie Novalis es erkennt - wenn die Schriftform nicht mehr die totale Verneinung der Naturform ist, dann könnte unsere Welt vielleicht wieder heil werden. 

 

Bis dahin aber säge ich mich durchs Herz der Stämme

Ich bekomme jede Menge "kurzes Holz" und somit Sollbruchstellen - kaum zu vermeiden. Der G-Kopf wird wohl irgendwann abbrechen und repariert werden müssen.

Das frische Holz ist so feucht, dass mir beim Sägen des Splintholzes der Strobe regelrecht Tropfen ins Gesicht sprühen.

Auch bei langsamem Trocknen an einem luftigen Platz draußen bilden sich erste Trockenrisse um den Kern.

Ich lerne, dass ich das Reißen günstig beeinflussen kann, wenn ich das Holz um den Kernbereich herum mit Ponal versiegele.

Im Prinzip ist nichts gegen Risse einzuwenden, das Holz darf arbeiten und "leben". Die abgebrochenen Teile werden mit Dübeln und Leim wieder befestigt. Der Buchstabe verändert sich also auch nach der eigentlichen Gestaltungsarbeit. Er gestaltet sich selbst weiter. Die Risse werden immer tiefer, Teile sind unverhohlen wieder angeleimt. So bekommt jede Skulptur einen speziellen Charakter, der von Wachstum und Versehrtheit zeichnet. Körper, die ihre Wunden nicht verbergen können, die fragmentiert oder notdürftig repariert sind. Die nicht so tun, als wäre das Leben ein ewig andauernder Schönheitswettbewerb. 

 

        

Pappel                                      Strobe

 

 

Der Formwille des Bildhauers muss es mit der vorgefundenen Form des Holzes aufnehmen. Das Holz gibt nichts freiwillig. Ist mein Formwille zu schwach, wird es peinlich, dann "gewinnt" das Holz.

Darum ist Bildhauerei zum einen Teil Werkzeug- und Werkstoffkunde und zum anderen Teil Formwissen.

Mit der Zeit beginne ich, im Rohling den Buchstaben zu finden.

Wer mit Pfeilen eine Wolke erlegen will, wird vergeblich seine Pfeil verschießen. Viele Bildhauer sind solch wunderliche Schützen. Einer Wolke muss man auf einer Trommel etwas vorgeigen oder auf einer Geige etwas vortrommeln. Dann wird es nicht lange dauern, bis sich die Wolke niederlässt, sich vor Glück auf dem Boden wälzt und schließlich entgegenkommend versteinert. Der Bildhauer hat so im Handumdrehen die schönste Plastik fertig.

Hans Arp, "Werkstattfabeln"

 

 

Douglasie

 

In welcher Form kann ich existieren?

Diese Frage scheint im Innern des Stamms gestellt, jedes Jahr aufs neue, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Positionierung des Selbst in der Umwelt scheint auch für Bäume ein tägliche neu zu lösendes Rätsel. Welches Weg wird das Wasser heute nehmen, durch meine Holzfasern und Blätterkapillare? Welche Spuren wird es hinterlassen. Spuren des Strömens, des Stauens, des Nachgebens und Erzwingens. Wasser und Licht haben diesen Stamm geformt zu einem einzigartigen Stamm. Sein Inneres spricht in einer anderen Sprache vom Leben als wir - und doch spricht er. Seine Berichte vom Leben sind verborgen und müssen mit der Säge aus der dunklen Stille herausgeschält werden. Eine andere Art des Zuhörens kennen wir nicht.*

Der Akt des Sägens erscheint brutal und unangemessen, kostet Überwindung. Aber ist das Leben selbst immer sanft und rücksichtsvoll? Geht es nicht ebenso kompromisslos und zielgerichtet seine Weg? Geburt ist kein sanftes Ereignis sondern stets auch ein Gewaltakt.

Berichtet der Stamm von der Suche des Baums nach seiner Lebensform, so sucht der Bildhauer nach der Form, die seinem Leben entspricht. Wieder wird die Frage gestellt: “In welcher Form kann ich existieren?”.
Diese Form wird dem Widerstand des Stammes abgerungen. Zu jeder Antwort muss man sich durchbluten/durchharzen. Der Bildhauer muss Entscheidungen treffen und sie durchsetzen.  Wir sind auf der Suche nach einer Form, die uns entspricht - um uns zu beweisen, dass wir auch Stamm und zugleich nicht Stamm sind. 
 

Eiche

 

* Merleau Ponty spricht vom "unmenschlichen Grund der Natur", womit er nicht einen irgendwie bösartigen meint, sondern eben einen Nicht-menschlichen, einen, der uns nicht meint.

 

"Ein Wort nur fehlt. Wie soll ich mich nennen, ohne in anderer Sprache zu sein?"

                                                Ingeborg Bachmann

 

 

Wir finden weitere großartige Unterstützung in den Werkstätten Hainbachtal gGmbH in Offenbach. Dort gibt es, halb im Wald gelegen, neben den Werkstätten für behinderte Menschen auch ein gemütliches Kaffee mit wunderbarem Außengelände. Hier können die Buchstaben - auf Rasenfläche oder überdacht - aufgestellt und bespielt werden. Die Werkstätten Hainbachtal sind ein etablierter Begegnungort für unterschiedlichste Zielgruppen. Auch ihre kulturellen Aktivitäten (Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte) sind vielfältig und weit über Offenbach hinaus bekannt.

Wir freuen uns darauf, mit unseren Schülergruppen auf diesem hervorragendem Gelände willkommen zu sein.

Auch die Unterstützung der hauseigenen Schreinerei wurde uns zugesagt - wenn mal etwas abbricht...

    "Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit!"

                                                                  Karl Valentin

    

 

 

Ein Zottel-Tier, das E, aus einem gigantischen Kiefern-Stamm

 

Sobald Elemente der Fraktur auftauchen wird der Buchstabe viel sinnlicher und ästhetisch reizvoller. - So ist das eben mit der gebrochenen Schrift. Schade, dass wir sie aufgeben mussten.

 

 

Indirekt erfahrenes Bewusstsein wird durch Sprache vermittelt.

Direkt erfahrenes Bewusstsein wird durch die Sinne erfahren.

Konzeptualisierendes Bewusstsein funktioniert durch Sprache. Mit dem konzeptualisierenden Bewusstsein auf den Körper geschaut separiert es ihn von allem. Hier passiert die Trennung von Körper/Geist/Seele. 

Lene Handberg

 

 

Gott 

schläft im Stein,

atmet in der Pflanze,

lebt im Tier

und erwacht im Menschen

(Östliche Weisheit)

      

Hinter den Wortwänden

Schweigen.

Nelly Sachs

 

 

Ich kann mit der Säge recht gut die Oberfläche des Buchstaben modellieren. Beim N habe ich gerade herab gesägt und eine Art Jalousie-Spur bekommen. Wenn ich Teile der Form etwas tiefer lege, erscheint an der Übergangsstelle ein schöner Schattenwurf, der im Gegenlicht erstaunlich stark wirkt.

Je nach Lichtsituation verändern die Buchstaben ihre Wirkung.

Ich beginne, mehr auf die Form zu achten, die im Stamm bereits angelegt ist. Das Buchen-N hat rechts und links noch seine Rinde, im Kern eine schöne Zeichnung. Auch am Ende des linken Schaftes eine natürliche Verdickung durch einen Ast.

 

 

 

 

"Bewegung ist Doping fürs Hirn. Es fördert die Konnektivität und die Beziehungsfähigkeit. Nur wenn man eine Beziehung zu seinem eigenen Körper hat, kann man auch eine Beziehung zu anderen Menschen aufbauen. Es macht von klein an Spaß, den eigenen Körper in Bewegung zu bringen. Ein Gefühl von Lust und Begeisterung kommt auf, wenn man die frühe Ressource Bewegung anzapft, sie kann einen Menschen wieder in Kontakt mit seinem Körper bringen.

In der Bewegung lernt man Gestalt- und Selbstwahrnehmungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit, Handlungsplanung, Impulskontrolle. Sich in Bewegung zu koordinieren bringt Ruhe ins Gehirn.

Wenn man sich gemeinsam mit anderen bewegt, entsteht Sozialresonanz, man stimmt sich auf andere ein.

Das Bedürfnis, über sich hinaus zu wachsen und trotzdem verbunden zu sein ist tief im Gehirn angelegt."

aus: Gerald Hüther über körperorientierte Verfahren in der Psychotherapie

 

 

         

Antiqua-B mit Wechselzug und Serifen

 

      

 Fraktur-B aus Buche mit Zickzack-Oberfläche

      

 

Es entwickelt sich dahin, dass ich immer mehr Fraktur-Elemente benutze. Die verspielten, schwingenden Linien der Fraktur erzählen von einer Zeit, in der Schrift und Schreiben Freude machen durfte. In der einer Linienlust gefrönt wurde, die wir uns im letzten Jahrhundert rigoros abgewöhnt haben. So puristisch und klar das ästhetische Empfinden nach Bauhaus auch war - bei diesem Projekt verlangt es mich immer stärker nach der üppigen, schwelgenden Schönheit der gebrochenen Schrift. Mir scheint auch, dass sie sich mit dem Massivholz viel besser verträgt - fragt mich (noch) nicht warum...

Gut, vielleicht entspricht die konstruierte, berechnete Form der Grotesken (Schriften nach Bauhaus: Futura usw.) auch unserer Entfremdung vom Körper. Im 20 Jh. spielte der Körper eine immer geringere Rolle - bis zum heutigen Stand, in dem unsere Körper nur noch Computer-Anhängsel sind, die totale Negation des Körperlichen. In dieser Chronologie ist sicher auch die Schriftentwicklung zu sehen. 

Frühere Schriften wurden von Hand geschrieben. Natürlich entwickelte sich auch die Textur (Gotik ... Fraktur) durch das Handschreiben. Hier spielte das Körperliche noch eine große Rolle. Die klösterlichen Schreiber und später Kanzleischreiber modifizierten Schriften nach ihrem Können und Schönheitsempfinden. Immer war es ein Körper, der im Dialog mit einem Gehirn schrieb. Dies änderte sich. Irgendwann war es ein Gehirn, dass unabhängig von Feinmotorik und Körper seine Formvorstellungen am Reißbrett, später am Bildschirm entwarf. Die Identität, der authentische Atem waren damit raus aus der Schrift. Vielleicht brauchte man unter dem Eindruck des ersten Weltkriegs gerade diese Entkörperung, die Befreiung des Geistes vom leidfähigen Körper. Klare, verlässliche Gedanken als Abgrenzung von einer überkommenen und untergegangenen Welt.

Wenn ich nun aber extrem körperbezogen mit der Motorsäge an einem extrem realen Baumstück herumschnippel, dann passt mir die Kopfgeburt Grotesk nicht. Sie passt nicht in den Baumstamm. Klar,  ich kann ein Grotesk-N in irrsinnig kurzer Zeit aus dem Holz schneiden, aber es ist zu leicht. Es gibt mir beim Betrachten nicht das Gefühl von Schönheit und Befriedigung, ich bin einfach nur fertig. Dazu ist mir das Holz zu schade. Es sollte mehr sein.

 

 

 

 

"Wenn man´s kann, ist´s keine Kunst -

und wenn man´s nicht kann, erst recht nicht."

Karl Valentin

 

geschwungenes J, Vorder- und Rückseite. 

Im Kopf wieder der geschnittene Niveauunterschied als Licht-Linienführung

Bei Tiefengestaltung/Niveauunterschieden kann ich sehr gezielt oder betont grob verfahren. Ich kann, wie hier im J-Kopf eine Schattenkante an genau der passenden Stelle setzen. Risiko hierbei: wenn ich nicht treffe, der Winkel nicht stimmt, ist es nicht überzeugend (siehe Zitat oben). 

Ich kann aber auch - und das mache ich sehr gerne - scheinbar ohne bewusste Platzierung eine wilde Bruchkante setzen, indem ich eine Scheibe der Oberfläche absäge und dabei zunächst von rechts, dann von links einsteche und absichtlich in der Mitte nicht genau treffe. So bekomme ich einen "blinden" Niveauunterschied, der sehr immer überraschend und fetzig ist. Es ist ein gelenkter Zufall.

Bruchkanten auf der E-Oberfläche

 

 

             

oben Schnitt- unten Bruchschatten

 

 

 

... und ich setze mich immer genau da hin, wo ich am wenigsten gebraucht werde.

 

 

Fraktur-F aus Buche (mit "Elefantenrüssel")

Wie ein Dampfer pflügt es sich durch die Welt - aber die Kinder konnten das F erst nach einigem Herumraten erkennen. (seufz...!)

Ich habe mich wieder einmal zu Sollbruchstellen hinreißen lassen. Egal, das war´s wert.

Eichen-M inzwischen reduziert (siehe oben)

 

 

 

 

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"Tag der Literatur", 10.5.2009

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